Zwischen all den Hiobsbotschaften und dem Abgesang auf die deutsche Industrie wurde soeben ein Lichtblick gemeldet – mit einem Überraschungsfaktor! Die Auftragsbücher der deutschen Industrie sind so gut gefüllt wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Der Bestand an offenen Bestellungen wuchs im Mai immerhin um 1,7 % gegenüber zum Vormonat, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Das war der stärkste Anstieg seit September 2021, als es Nachholeffekte wegen der Coronapandemie gab. Damit sind die Auftragsbücher aktuell so gut gefüllt wie noch nie seit Beginn dieser Statistik im Jahr 2015. Verglichen mit dem Vorjahresmonat legten die Bestellungen um 9,5 % zu und damit so kräftig wie seit August 2022 nicht mehr.
Zwar ist dies noch nicht die Trendwende, aber durchaus ein gutes Zeichen. Schließlich stellen die Folgen des Nahost-Konflikts auch die deutsche Industrie vor arge Herausforderungen. Eine Lösung ist hier zwischen den Kriegsparteien nach wie vor nicht in Sicht – ganz im Gegenteil. Nach all den Jahren des Abwärtsdrucks dürfen die Nachrichten aus der Industrie erst einmal als eine Bodenbildung interpretiert werden und als ein interessanter Ausgangspunkt für die nächsten Monate. Es steht außer Frage, der Orderbestand muss nun in Produktion umgewandelt werden.
Und genau hier könnte der Knackpunkt liegen. Die Unternehmen dürften trotz des Reformpakets der Regierungskoalition zunächst weiterhin eher zurückhaltend agieren. Noch immer fehlt Planungssicherheit für die Konzerne. Standortbedingungen und gestiegene Energiepreise drücken auf die Stimmung. Hinzu kommt, viele Unternehmen produzierten auch immer mehr im Ausland als hierzulande. Am Ende des Tages zählt die Produktion und nicht der aufgelaufene Auftragsbestand!
Die sogenannte „Reicheweite des Auftragsbestandes“ summiert sich auf 8,9 Monate, ebenfalls der beste Wert seit Statistikerhebung. Der Wert gibt an, wie viele Monate die Betriebe bei gleichbleibendem Umsatz ohne Neugeschäft theoretisch produzieren müssten, um vorhandene Bestellungen abzuarbeiten.
Die positive Entwicklung des Auftragsbestands geht wesentlich auf den Maschinenbau zurück. Hier gab es im Mai ein Plus von 3,3 % zum Vormonat. Auch der Anstieg bei den Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten, elektronischen und optischen Erzeugnissen von 3,0 % wirkte sich positiv aus. Kein Geheimnis ist die Krise in der deutschen Schlüsselbranche Automobil. Hier schrumpfte der Auftragsbestand um 0,8 %.
Die offenen Aufträge aus dem Inland legten im Mai um 0,9 % zu. Der Bestand aus dem Ausland stieg mit 2,0 % mehr als doppelt so stark.
Für den kommenden Montag sind frische Konjunkturdaten angekündigt!